„But first we attack“: Marcelo erzählt bewegende Lebensgeschichte

Diese Geschichte geht um die Welt! Marcelo erzählt, wie die Träume eines Kinds aus Botafogo wahr wurden, und es heute Vizekapitän einer der größten Mannschaften in der Fußballgeschichte ist. „But First We Attack“ lautet die Lebensgeschichte des 29-Jährigen, welche bei The Players‘ Tribute veröffentlicht wurde – ein junges Medium, bei dem sich Spieler direkt und in ihren Worten an Fußballfans in aller Welt richten können.

„But first…“: Diese Geschichte muss man sich eigentlich im Original durchlesen. Wer des Portugiesischen oder zumindest des Englischen mächtig ist, der braucht dieses Mal nicht für (wertvollen) Traffic bei REAL TOTAL sorgen, sondern kann jenen einen Klick schenken, die es mehr als verdient haben: The Players‘ Tribune. Im folgenden wird „But first we attack“ ohnehin „nur“ 1:1 übersetzt – ohne weitere Ergänzungen oder Zusatzinfos durch die REAL TOTAL-Redaktion. Die volle Anerkennung obliegt dem von Derek Jeter gegründeten Medium aus New York. Und Marcelo, für eine wahrlich tiefgehende wie unterhaltende Geschichte. Sein Leben.

Wo fange ich an? Ich möchte euch davon erzählen, wie mein Großvater mein Leben änderte. Aber ich will euch auch von Ronaldo erzählen. Und wie Romario aus dem Flugzeug hing, und über den orangen Volkswagen.

Wir haben viel zu bereden. Lasst uns mit einem Geruch beginnen.

Es ist eines dieser Dinge, an die ich mich in meinem Leben erinnern kann. Als ich so sechs Jahre alt war, wir hatten gerade Sommerferien, aber ich trotzdem jeden Morgen um 7:30 aufgestanden und mit meinem Ball runter zum Botafogo Strand bin.

Das ist in Rio, wo all die besten Fußballer herkommen.

Da war dieser Strand am Park mit einem Futsal-Feld und einer kleinen Rutsche für Kinder, und da war immer dieser eine alte Typ, der die Leute anschrie, die gerade ihre Autos parkten: „Ein Dollar! Ein Dollar! Ein Dollar!“

Er würde dein Auto für einen Dollar „beschützen“. Ich erinnere mich an den Klang seiner Stimme, aber am meisten erinnere ich mich an den Geruch der Erde. Da war ein kaputtes Abflussrohr, das Wasser über den ganzen Boden auf der einen Seite des Feldes schüttete, und es in Dreck verwandelte. Also jeden Morgen, als ich runter zum Park lief, roch ich diesen GESTANK, Mann.

Das Feld war Territorium der Botafogo FR Fanatics. An manchen Tagen als ich kam, hatten sie ihn eingenommen, also musste ich woanders alleine kicken. An anderen Tagen als ich kam, war niemand da. Es war egal – klein Marcelito war jeden Tag da.

Ich habe ein tiefes Erinnerungsvermögen an den Geruch, und an das Gefühl des Balls an meinen Füßen. Mir wurde etwas klar, das immer noch für mich gilt. Wann immer man einen Ball an seinen Füßen hat, kann man nicht schlechtgelaunt sein. Man braucht nicht mal Menschen, um zu spielen. Es geht nur um den Ball.

In diesem Sommer war die WM 1994 in den USA. In Brasilien geht jeder aus der Nachbarschaft vor dem Start einer WM raus auf die Straßen und bemalt Wände, um zu feiern. Alles wird in Grün, Blau und Gelb getaucht – die Straßen, die Zäune, die Wände, Gesichter der Leute. Das ist so eine besondere Erinnerung für jedes kleine Kind in Brasilien. Ich las Ronaldos Geschichte den anderen Tag, und er erzählte, wie er damals vor der WM 1982 auf die Straßen ging und half, eine Wand mit Zico zu bemalen.

Nun, rate mal Ronaldo!

Falls du das liest, als ich sechs Jahre alt war, malten meine Freunde und ich dein Gesicht auf unsere Straße. Du warst unser Held. Das ist eine Erinnerung, die fest in meinem Herzen steckt.

„Ich hab nicht einen Dollar, aber bin glücklich wie ein Motherf*****“

Es ist witzig, an was man sich aus seinem Leben erinnert. Ich erinnere mich kaum daran, Brasilien im Finale gesehen zu haben. Das ist alles unklar. Aber ich erinnere mich klar an dieses eine Foto auf der Titelseite einer lokalen Zeitung. Die Nationalmannschaft war gerade heimgeflogen, und Romario hat sich wirklich aus dem Vorderfenster des Cockpits gehangen, und eine riesige Brasilien-Flagge geweht, als hätte er gerade die Welt für uns erobert.

Ich erinnere mich daran, das Foto gesehen zu haben und wie mein Herz beinahe vor Stolz explodiert wär. Ich dachte mir: Oh man, ich muss das auch mal tun.

Natürlich war das aus vielerlei Sicht ein irrwitziger Traum. Zu aller erst, weil es 200 Millionen Menschen in Brasilien gibt, und alle wollen Fußballer werden (sogar die alten Männer). Zweitens, war ich noch gar kein echter Fußballer. Ich spielte nur daheim Fünf-gegen-fünf Futsal. Verreisen für Klubfußball war nicht wirklich realistisch für meine Familie. Vielleicht verstehen das Leute aus den USA oder England nicht, aber Sprit war in Brasilien sehr, sehr teuer, speziell als ich ein Kind war.

Zum Glück war mein Großvater bereit, alles für mich zu opfern. Er ist die wichtigste Person in meiner Geschichte. Wenn ihr ihn euch vorstellen wollt, hmm … er war ein echter Typ! Er hatte immer eine coole Sonnenbrille auf, und er hatte immer so einen Spruch. Den hat er jeden Tag gebracht, wenn er unter seinen Freunden war.

Wie kann ich das übersetzen?

Er sagte …

„Hölle, schaut mich an. Ich hab nicht einen Dollar in meiner Tasche, aber ich bin glücklich wie ein Motherf*****!“

Er hat mich immer zum Futsal gefahren in seinem alten Volkswagen Variant. Ich glaube der war von 1969. Aber als ich begann, öfter mit meinem Team zu reisen als ich so acht oder neun Jahre alt war, war es zu teuer für uns, den Sprit, das Mittagessen und alles zu zahlen, also machte mein Großvater eine Entscheidung, die mein Leben veränderte.

Er verkaufte sein Auto und verwendete das Geld, um unsere Bus-Tickets zu bezahlen. Wer so ein Opfer bringt, da denkt ihr vielleicht, dass er sich wie ein Märtyrer gefühlt oder „Oh, ich Armer“ gesagt hätte.

Oh, nein!

„Mein Enkel ist der beste Spieler in Rio! Der beste Spieler in Brasilien! Großartig! Unaufhaltbar!“

In seinen Augen machte ich nie Fehler. Es war lustig. Er schaute meine Spiele, kam heim und erzählte meinem Vater: „Du musst bei Marcelo zusehen! Was er heute getan hat? Oh mein Gott. Es war magisch. Unglaublich!“

Aber mein Vater kam fast nie dazu, mich spielen zu sehen, weil er immer arbeiten musste. Er dachte vermutlich, mein Großvater sei verrückt. Am witzigsten war es, als ich sch**** spielte und wir verloren. Er zuckte nur mit seinen Achseln und sagte: „Ach, egal. Das wirst du schon verstehen.“

Dank ihm fühlte ich mich wie Ronaldo, als ich neun Jahre alt war. Ich schwöre bei Gott, ich kam nach Hause mit ausgestreckter Brust wie: Yeah, ich bin ein Fußballer!

„Ich muss dich eines Tages im Maracanã spielen sehen“

Dann eines Tages als ich so zwölf Jahre alt war, tauchte mein Großvater nach meinem Spiel in diesem orangen Volkswagen Käfer auf.

„Steig ein, wir fahren heim“, sagte er.

Und ich so: „Was ist los? Wo hast du den her?“

„Jogo do Bicho“, sagte er.

In Rio haben wir diese Tier-Lotterie. Die ist vielleicht nicht 100-prozentig legal, aber hey, das ist das Spiel der Leute. Du ziehst eine Nummer, die zu einem Tier gehört, ein Strauß oder ein Hahn oder so. Jeden Tag gab’s eine neue Ziehung. Mein Großvater gewann keine Ahnung wie viel Geld in der Tier-Lotterie, und er hat damit den Käfer gekauft.

Es war unglaublich. Wir fuhren überall in diesem Auto hin. Aber als ich 15 wurde, wurde ich eingeladen, richtiges Elf-gegen-elf-Fußball mit dem Jugend-Team von Fluminense zu spielen. Das Problem war, dass das Trainingsgelände in Xerém lag, so zwei Stunden von meinem Zuhause entfernt, und für uns war es unmöglich, den Sprit zu bezahlen, um dort jeden Tag hinzufahren. Also entschied ich dort zu bleiben. Ich war ganz alleine in Xerém, fern von meiner Familie. Mein Großvalter holte mich jeden Samstagabend ab, damit ich den Sonntag daheim in Rio verbringen konnte, und dann brachte er mich zurück.

Ihr müsst das verstehen. Er gewann die Tier-Lotterie. Es war nicht so viel Geld. Und das war ein alter Käfer aus den 70ern. Jedes Mal, wenn man das Lenkrad zu weit drehte, änderte sich der Radiosender.

Nach vielem Hin und Her von Rio nach Xerém, war ich es leid. Ich fühlte mich wie ein Fußball-Sklave. Ich sah all meine Freunde daheim zum Strand gehen und das Leben genießen, und alles was ich tat, war trainieren.

Eines Tages holte mein Großvater mich ab und ich sagte ihm: „Ich bin fertig. Ich höre auf und komme heim.“

Er sagte: „Nein, nein, nein. Das tust du nicht. Nachdem wir für all das gekämpft haben?“

„Ich klebe auf der Bank fest. Ich verschwende meine Jugend. Ich bin fertig“, sagte ich.

Und dann begann er zu weinen.

Er sagte: „Marcelo, bleibe ruhig. Du kannst jetzt nicht aufhören. Ich muss dich doch noch eines Tages im Maracanã spielen sehen.“

Das hat mein Herz echt getroffen. Ich sagte ihm: „Okay, ich spiele noch eine Woche.“

Vielleicht gab ich das Aufgeben auf.

„Ich dachte, ich fliege nur für einen Plausch nach Madrid. Dann lag da der Vertrag“

Zwei Jahre später stand mein Großvater auf der Tribüne, und ich kam mit Fluminenses erster Mannschaft raus auf das Feld des Maracanã. Er wusste es. Er hat vom ersten Tag an auf mich gesetzt, und er wusste es einfach.

Als ich 18 wurde, streckten einige Teams aus Europa ihre Fühler aus. Ich hörte, dass ZSKA Moskau mich wollte, und Sevilla. Zu der Zeit hatte Sevilla einen Höhenflug, und viele Brasilianer. Ich dachte: Hey, das wäre cool.

Dann eines Tages erhielt ich einen Anruf eines Agenten. Er sagte: „Willst du zu Real Madrid?“

Er sagte es genau so.

Also sagte ich: „Ähh, aber natürlich?“

Aber ich wusste nicht, wer der Typ war.

„Dann wirst du zu Real Madrid gehen. Schreib es dir auf“, sagte er.

Einige Wochen später hatten wir ein Spiel in Porto Alegre, und Real Madrid sandte jemanden, um sich mit mir in unserem Hotel zu treffen. Also ging ich runter in die Lobby und dieser Gentleman stellte sich vor. Aber er trug kein Real-Wappen. Er gab mir keine Karte oder so.

Und dann stellte er mir diese Fragen wie: „Hast du eine Freundin?“

„Öhm, ja“, sagte ich.

„Bei wem lebst du?“, fragte er.

Und ich so: „Öhm, meiner Großmutter?“

Erneut, keine Karte. Kein Papierstück. Also dachte ich mir: Ist das real? Bin ich kurz davor, in ein Flugzeug nach Sibirien oder so geschmissen zu werden?

Zwei Tage später erhielt ich einen Anruf, in dem es hieß, Real wolle mich nach Madrid bringen „um einen medizinischen Test zu machen“.

Und ich dachte nur: Ist das wirklich echt?

„Champions League? Was ist das?“

Dazu müsst ihr was über mich wissen. Bis ich 16 Jahre alt war, wusste ich nicht mal, dass es eine Champions League gab. Ich erinnere mich genau daran, ich saß im Zimmer in Xerém, und einige der Jungs schauten ein Spiel im TV. Es war Porto gegen Monaco. Aber das Spiel sah anders aus. Bei Nacht, unter all diesen hellen Lichtern, mit all den Fans. Und das Feld war so schön und makellos … es war einfach unglaublich. In der brasilianischen Liga, zumindest zu der Zeit, waren die Lichter nicht so hell. Das Gras war nicht so grün.

Das Spiel sah aus, als wäre es von einem anderen Planeten übertragen, den ich nicht kannte.

Irgendwann ich so: „Hey, was zur Hölle ist das für eine Liga?“

„Champions League“, sagte mein Freund.

Ich: „Champions von was?“

Und er: „Alter, es ist das Champions-League-Finale.“

Ich hatte keine Ahnung, was er da redete. In Brasilien wurde die Champions League nur im Pay-TV gezeigt. Die meisten Leute wie ich hatten dazu keinen Zugang.

Also, wie ich schon sagte, war ich in einem Flugzeug nach Madrid.

Nicht vergessen: Ich bin gerade erst 18 geworden. Ich schwöre bei Gott, dass ich dachte, ich würde nur für einen Plausch dorthin fliegen. Als ich ankam, um den Klub zu treffen, sah ich den Vertrag auf dem Tisch mit dem Real Madrid-Logo darauf und so – und ich hab den Sch*** so schnell unterschrieben.

Dann brachten mich die Typen in den Anzügen direkt aufs Feld. Sie stellten mich den Medien den Tag vor. Ich hatte keinen Plan. Meine eigene Familie in Brasilien erzählte mir, dass sie nicht glauben konnten, dass es wahr sei, bis sie es bei Globo Sport sahen.

„Sch****, ich kenne all diese Typen nur aus Videospielen“

Ich denke, der Grund warum all das so unwahr für mich wirkte, war weil Roberto Carlos mein Idol war. Für mich war er Gott. In das gleiche Team wie Roberto zu kommen, auf seiner Position, ich konnte es nicht glauben.

In diese Umkleide zu gehen … da waren Robinho, Cicinho, Júlio Baptista, Emerson, Ronaldo, Roberto Carlos. Und dann natürlich noch Casillas, Raúl, Beckham, Cannavaro.

Klein Marcelito ging da rein und war so: Oh sch****, ich kenne diese Typen nur aus Videospielen!

Sie hätten mich lebendig verspeisen können. Aber lasst mich euch etwas Wichtiges über Real Madrid verraten. Das macht es zu einem besonderen Klub. Roberto Carlos kam zu mir am ersten Tag und sagte: „Hier ist meine Handynummer. Wenn du irgendwas brauchst, irgendwas, rufst du mich an.“

An meinem ersten Weihnachten in Madrid lud er meine Frau und mich in sein Haus ein mit seiner ganzen Familie. Der Typ ist mein Idol und wir kämpften für die gleiche Position. Die meisten hätten das nicht getan für das junge Kind. Aber das ist Roberto Carlos. Er war selbstbewusst. Das ist das Zeichen eines echten Manns.

Er inspirierte mich auch auf dem Feld. Roberto Carlos lief die linke Seite rauf und runter wie ein Biest. Ob man mich liebt oder hasst, man weiß, was man erwarten kann, wenn ich da draußen bin. Ich liebe es anzugreifen. Aber nicht bloß angreifen. ZU ATTACKIEREN!

Und dann in der Verteidigung? Wenn wir ein Problem kriegen, regeln wir das. Wir finden’s raus. Aber zuerst greifen wir an.

Man kann nur mit so einer Art von Freiheit spielen, wenn du dich mit deinen Partnern gut verstehst. Fabio Cannavaro spielte auf meiner Seite und sagte zu mir: „Du kannst gehen, Marcelo. Ich bin hier. Kick dir deine Schuhe kaputt. Entspann dich. Ich bin Cannavaro. Ich pack das schon.“

So wie Casemiro es heutzutage mit mir macht: „Geh schon, Marcelo. Wir kümmern uns um den anderen Kram später.“

Ach, Casemiro. Er rettete mein Leben. Ich könnte spielen bis ich 45 bin mit dem Typ an meiner Seite.

Als ich zuerst nach Madrid kam, half Cannavaro mir aufzuholen. Die Regel war, dass ich so lange angreifen konnte, solange ich auch zurück sprintete. Aber wenn ich mal zu spät kam? Mann, dann wurde es ernst. Der Mann konnte meckern! In Brasilien haben wir dafür einen Spruch: „Pegava no pé.“ Das bedeutet so viel wie, du nimmst jemanden aus Gründen hart ran.

Cannavaro nahm mich hart ran, und dafür liebe ich ihn.

Klein Marcelito verschwand

Man lernt bei Real sehr schnell, wie hoch der Standard ist. Am Ende meiner ersten Saison rief mich der Direktor in sein Büro. Ich war noch jung und verrückt. Ich kam rein mit meiner Baseball-Cap auf und dachte wir würden ein bisschen quatschen.

Er sagte mir, der Klub würde mich verleihen wollen.

Ich verstand, was sie tun wollten. Sie wollten Erfahrung für mich. Aber ich dachte: Das ist Real. Wenn ich jetzt gehe, könnte ich nie zurückkehren.

Er wollte, dass ich dieses Papier unterschreibe.

Das einzige, was ich ihn fragte, war: „Wenn ich das nicht unterschreibe, muss ich nicht gehen, oder?“

„Nun, ja. Wenn du nicht unterschreibst, bleibst du irgendwie da. Wenn der Trainer dich behalten will, ist es, wie es ist. Aber ich denke, dass du ein bisschen Erfahrung holen musst“, sagte er.

Ich dachte: Sie müssen schon Flüche aufbringen, damit ich das unterschreibe.

„Ich kriege meine Erfahrung, ich kümmer mich darum“, sagte ich.

Ich dankte ihm und verließ den Raum.

Roberto Carlos ging den Sommer und ich begann mehr zu spielen. Nach alledem verschwand klein Marcelito.

Der Schrank seines Großvaters

Wann immer ich für Ferien zurück nach Brasilien kam, besuchte ich meinen Großvater, und sein Schrank wurde voller und voller.

Lasst mich den Schrank erklären.

Als ich so sechs Jahre alt war, begann er mit einem Schrein für meine Karriere. Er nahm all meine Team-Fotos und Trophäen in diesen hölzernen Schrank, und wann immer ich ein Tor erzielte, trug er das in sein Buch ein. Wirklich jedes Tor seit ich in der Schule spielte. Immer wenn ich es in die lokale Zeitung schaffte, holte er seine große Schere, schnitt den Artikel aus, laminierte ihn und so.

Also kam ich einen Sommer von Real Madrid zurück und sah, dass er es immer noch tat. Er schneidet immer noch alles aus, laminiert immer noch alles ein. Aber wir gewannen LaLiga! Da kam eine Menge Material! Und er würde jedes Papier kriegen. Er würde keines verpassen.

„Was es mit Retter Ramos auf sich hat? Vielleicht die Haare“

Ich wollte schon immer diesen Schrank durch zwei Dinge ergänzen: Ein Foto, wie ich den Champions-League-Pokal halte, und ein Foto von mir, wie ich aus dem Flugzeug-Cockpit hänge nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft, die brasilianische Flagge wehend wie Romario.

Als wir ins Champions-League-Finale 2014 gegen Atlético kamen, war mein Großvater sehr krank. Vor dem Finale habe ich vier Spiele in Folge von Beginn an gespielt. Ich war bereit. Unglücklicherweise entschied sich der Trainer für einen anderen Spieler, um an meiner Stelle gegen Atlético zu starten.

Was wollt ihr von mir hören? Ich war zuerst extrem traurig. Ein bisschen wütend. Aber ich wusste, dass etwas Größeres auf mich wartet in der Nacht. Ich saß auf der Bank und wartete. Als wir 0:1 zurück lagen, wartete ich. In der 90. Minute, habe ich immer noch gewartet. Und dann, in der 93. Minute rettete uns mal wieder Sergio Ramos mit dem Kopfball vor dem Tod. Ich weiß nicht, was es mit dem Typen auf sich hat. Vielleicht hat’s mit den Haaren zu tun.

Als der Trainer mich und Isco in der Verlängerung rief, rannte ich auf das Feld mit einer Menge Wut – aber der guten Sorte von Wut. Ich wollte erobern. Ich wollte alles auf dem Feld rauslassen.

Als ich in der Verlängerung traf, ist mein Gehirn runtergefahren, echt jetzt. Ich dachte daran, mein Shirt auszuziehen. Dann dachte ich. Sch****, ich kann mein Shirt nicht ausziehen, dafür gibt’s Gelb. Dann wurde ich ernst. Dann fing ich an zu weinen. Es war Wahnsinn.

Das war zehn Jahre nach dem Tag, als ich in Xerém auf den TV schaute und die Lichter und das grüne Gras sah und fragte: „Was zur Hölle ist das für eine Liga?“

Zehn Jahre später habe ich den verdammten Pokal gehalten. „La Décima“, der zehnte Europapokal in Reals Geschichte.

Ein letzter, großer Traum

Einige Monate nach dem Finale verstarb mein Großvater in Rio.

Ich bin sehr stolz, dass er erlebte, wie ich den Champions-League-Pokal gewann. Dank ihm, kam ich da hin.

Manchmal wache ich auf und denke: Elf Jahre für Real Madrid. Elf Jahre für Brasilien. Für einen verrückten, angreifenden Verteidiger wie mich. Warum bin ich noch hier?

Wenn ich euch sagen würde, das sei normal, würde ich lügen.

Jeden Tag, wenn ich zum Training komme und mein Auto parke und in die Real Madrid-Umkleidekabine gehe, ist es ein riesen Gefühl. Auch wenn ich es nicht zeige, tief in mir fühle ich es so sehr. Ich bin noch voller Ehrfurcht, jeden Tag.

Ein Teil des Vermächtnis‘ dieses Klubs zu sein, ist für mich unbezahlbar.

Aber ich habe noch ein Ziel.

Bei der WM 2018 kommt Brasilien zurück. Schreibt es euch auf. Macht eine Marke drauf. Schickt es an euch selbst. Mit Tite als unseren Trainer glaube ich wirklich, dass wir Brasiliens Flagge auf den höchsten Punkt bringen können.

Ich kann euch sagen, dass Tite eine phänomenale Person ist.

Als er den Job übernahm, rief er mich an: „Ich verspreche dir nicht, dass ich dich rufen werde, aber wenn ich es tu, bist du noch willens, für die Nationalmannschaft zu spielen?“

Ich sagte: „Professor, allein die Tatsache, dass Sie mich anrufen – mir bedeutet das riesig viel. Ich spiele für die Nationalmannschaft seit ich 17 bin. Ich habe 20-Stunden-Flüge auf dem mittleren Platz der Reihe hinter mir und jetzt, wo ich in einem guten Sitz sitze, glauben Sie, ich komme nicht? Ich bin verfügbar, wann immer Sie mich brauchen.“

Dieser Anruf bedeutete mir alles. Es war das erste Mal, dass ich von einem Nationaltrainer angerufen wurde und ich spiele in der Nationalmannschaft seit elf Jahren. Ich würde für Tite töten, und ich werde alles tun, was ich kann, um eine kleine goldene Trophäe in den Schrank meines Großvaters zu tun.

Und wenn es mir nicht gelingt, was soll ich sagen? Ich bin noch immer Marcelo. Glücklich wie ein Motherf*****.

Until he was 16, @marcelotwelve didn’t know there was a Champions League. Ten years later, he lifted the trophy. : @samrobles

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Interview
„But first we attack“: Marcelo erzählt bewegende Lebensgeschichte
Diese Geschichte geht um die Welt! Marcelo erzählt, wie die Träume eines Kinds aus Botafogo wahr wurden, und es heute Vizekapitän einer der größten Mannschaften in der Fußballgeschichte ist. „But First We Attack“ lautet die Lebensgeschichte des 29-Jährigen, welche bei The Players‘ Tribute veröffentlicht wurde – ein junges Medium, bei dem sich Spieler direkt und in ihren Worten an Fußballfans in aller Welt richten können.
http://www.realtotal.de/but-first-we-attack-marcelo-erzaehlt-bewegende-lebensgeschichte/
07.09.2017, 07:49
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