Reals Vinícius-Transfer: Genial oder wahnsinnig?

Der Aufschrei ist groß, denn Real Madrid hat einen 16-jährigen Brasilianer für 45 Millionen Euro verpflichtet. „Real sprengt die Grenzen des Transfermarkts“ titeln die einen, während andere vom Transfer des größten Talents Brasiliens sprechen. Die Rede ist von Vinícius Júnior, der die Königlichen 2019 verstärken soll und ihnen jetzt schon eine Stange Geld gekostet hat. Die REAL TOTAL-Redakteure Kerry Hau und Michael Sommer diskutieren.

RIO DE JANEIRO, BRAZIL - MAY 13: Vinicius Jr. (R) of Flamengo struggles for the ball with Cazares of Atletico MG during a match between Flamengo and Atletico MG part of Brasileirao Series A 2017 at Maracana Stadium on May 13, 2017 in Rio de Janeiro, Brazil. (Photo by Buda Mendes/Getty Images) Vergrößern

Vinícius Junior (r.) wechselt 2019 zu Real – Foto: Buda Mendes/Getty Images

Real Madrid hat unlängst die Verpflichtung des brasilianischen Juwels Vinícius Júnior bekannt gegeben. Nachdem schon länger in den Medien über einen Transfer spekuliert worden war, einigten sich die Blancos mit Flamengo Rio de Janeiro auf einen Wechsel im Sommer 2018, wobei Vinícius daraufhin noch bis 2019 in Südamerika spielen wird. Die Ablösesumme soll 45 Millionen Euro betragen — seine Berater und sein Vater sicherten sich laut spanischen Medienberichten jedoch noch mal jeweils acht Millionen Euro an Handgeld. Das wären dann 61 Millionen Euro für den „neuen Neymar“, wie sie ihn in seinem Heimatland nennen. Ein genialer oder ein wahnsinniger Deal? Die REAL TOTAL-Redakteure Kerry Hau und Michael Sommer sind unterschiedlicher Meinung.

Kerry Hau: Ein bedenkliches Wagnis

Vielleicht denke ich einfach zu altmodisch. Aber ich tue mir schwer, mich damit abzufinden, dass dieser Knabe nach gerade einmal 186 Profi-Minuten in einer Durchschnittsliga wie der brasilianischen schon 45 Millionen Euro kosten soll. Ein gewisser Ronaldo Luís Nazário de Lima wechselte im Sommer 2002 für die gleiche Summe von Inter Mailand zu Real Madrid. Als Weltmeister. Als bester Mittelstürmer des Planeten. Als sofortige Verstärkung.

Keine Frage: Die Zeiten haben sich geändert. Die Preise auf dem Transfermarkt explodieren. Ein Durchschnittsspieler kostet heute ja schon mindestens 30 Millionen Euro. Für Paul Pogba, einen fraglos starken Kicker, aber eben keinen absoluten Ausnahmekönner, hat Manchester United im vergangenen Sommer einen Rekordbetrag von 105 Millionen Euro hingeblättert. Irre TV-Verträge wie der in England machen es möglich, dass sich große Klubs wie United derartige Wahnsinnsdeals problemlos leisten können. Für den gesamten Wettbewerb ist das aber eher ein Nachteil. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Und auch die Spieler leiden unter dem Trend der unaufhörlichen, der rücksichtslosen Kommerzialisierung des Fußballs.

Was soll denn Vinícius Júnior denken, wenn er mit 18 Jahren nach Madrid kommt und schon ein Ferrari in der Einfahrt seiner Luxusvilla in „La Finca“, dem Nobelviertel im Norden der spanischen Hauptstadt, steht? Ich bin mir nicht sicher, ob Fußball dann noch alles ist, auf das sich dieser Teenager konzentriert. Es gibt viele Negativbeispiele, die zeigen, dass es wenig bringt, ein Talent mit so viel Geld und Ruhm zu überhäufen, bevor es überhaupt irgendetwas erreicht hat. Man denke nur an zu früh hoch gepriesene Rohdiamanten wie Robinho oder Royston Drenthe, die sich ohne ihr familiäres Umfeld im Madrider Nachtleben verloren haben anstatt professionell und hart für ihren Kindheitsraum zu arbeiten. Man denke nur an Martin Ødegaard, der trotz oder gerade wegen all des Hypes um seine Person jetzt selbst Schwierigkeiten hat, sich in der niederländischen Eredivisie durchzusetzen. Ich will aber auch nicht den Teufel an die Wand malen. Marcelo oder Sergio Ramos haben beispielsweise eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass es durchaus anders geht. Ich muss auch ehrlich zugeben, dass ich nicht weiß, was Vinícius Júnior überhaupt kann, denn ich habe ihn nie spielen sehen.

Trotzdem finde ich schade, dass Real dieses rigorose Wettbieten mit vorantreibt. Das Kredo von Florentino Pérez entsprach eigentlich immer dem von Estadio Santiago Bernabéu: Er will die begabtesten und besten Spieler der Welt verpflichten, sagt der Präsident von Real Madrid immer wieder. Dafür ist er sich nicht zu schade, tief in die Taschen zu greifen. Das nun auch für einen Spieler zu tun, dessen Erstliga-Spiele sich nicht einmal an zwei Händen abzählen lassen, ist bedenklich… 

Michael Sommer: Real beweist Mut

Klar, die Königlichen gehen mit diesem Transfer ein großes Risiko ein. Ein Risiko, das sich aber lohnen könnte. Was für den unbeteiligten Zuseher wie der verrückte und überstürzte Coup von Pérez aussehen mag, war nur der krönende Abschluss eines jahrelangen Scouting-Prozesses. „Schon seit Kindertagen hat Vinícius auf einem höheren Level gespielt als seine Mitspieler im selben Alter“, sagte Cacau, Lehrer an der Escolinha Fla Sao Goncalo, einer Flamengo zugehörigen Schule, in welcher das Juwel aufgezogen wurde.

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Die weitere Entwicklung des Youngsters weckte in ganz Europa Begehren: Neben Real waren noch andere Größen am Mega-Talent interessiert. Unter anderem der FC Arsenal, Manchester City und der Erzrivale FC Barcelona. Man stelle sich nun vor, Vinicius wird seinem Ruf gerecht und tritt tatsächlich in die Fußstapfen Neymars. Der 16-Jährige spielt zunächst eine klasse Saison für die Profis von Flamengo, wird nach einigen Spielen in der U21 in die brasilianische A-Nationalmannschaft berufen und entwickelt sich konstant weiter. 2019 wechselt er als eines der größten Nachwuchstalente des Planeten für 45 Millionen zu Real – in Zeiten wie diesen, in denen ähnliche Alternativen wie beispielsweise Kylian Mbappé rund 130 Millionen Euro kosten sollen.

Natürlich könnte Real Madrid auch schlecht aus dem Deal aussteigen. Vinicius‘ Entwicklung könnte stagnieren, er würde in der kommenden Saison des öfteren auf der Bank Platz nehmen und die Chance auf die „Seleção“ niemals bekommen. Madrid ist dieses Risiko jedoch bewusst. Stand jetzt haben die Merengues einen der besten, wenn nicht den besten, Kader der Welt. Um diesen überhaupt noch verbessern zu können, müssten sie sich entweder zu Galáctico-Transfers wie jenen von Gareth Bale und Cristiano Ronaldo hinreißen lassen, oder jungen Talenten sowie Eigengewächsen Chancen geben.

Der spanische Rekordmeister hat in der jüngesten Vergangenheit eher zweiteren Weg bevorzugt. Canteranos wie Dani Carvajal werden mit Rückkauf-Optionen transferiert, um sie dann als gestandene Stammspieler wieder zu verpflichten. „Externe“ Rohdiamanten wie Marco Asensio werden gekauft, aufgebaut und dann in die erste Mannschaft integriert. Vinícius‘ Ablöse ist zwar deutlich höher als die von Asensio (3,5 Millionen Euro), im Vergleich zu einer möglichen Mbappé-Verpflichtung ist sein Transfer jedoch fast schon ein Schnäppchen. Real hat großen Mut, sich für diesen 16-jährigen Jungen mit Zahnspange derart aus dem Fenster zu lehnen.

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Reals Vinícius-Transfer: Genial oder wahnsinnig?
Der Aufschrei ist groß, denn Real Madrid hat einen 16-jährigen Brasilianer für 45 Millionen Euro verpflichtet. „Real sprengt die Grenzen des Transfermarkts“ titeln die einen, während andere vom Transfer des größten Talents Brasiliens sprechen. Die Rede ist von Vinícius Júnior, der die Königlichen 2019 verstärken soll und ihnen jetzt schon eine Stange Geld gekostet hat. Die REAL TOTAL-Redakteure Kerry Hau und Michael Sommer diskutieren.
http://www.realtotal.de/reals-vinicius-transfer-genial-oder-wahnsinnig/
14.06.2017, 08:23
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