Zidanes Meisterwerk – viel mehr als nur Glück

Zinédine Zidane setzte sich mit einer taktischen Meisterleistung nicht nur gegenüber Diego Simeone, sondern auch gegen viele seiner regelmäßig „Glück“ schimpfenden Kritiker durch. Kerry Hau mit der entsprechenden Würdigung zu „Zizous“ Meisterwerk.

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Zinédine Zidane (r.) coachte Diego Simeone aus – Foto: Gerard Julien/AFP/Getty Images

Simeone machtlos

Zinédine Zidane hat, egal ob auf dem Trainingsplatz oder dem Pressepodium, immer ein lässiges Augenzwinkern und verschmitztes Lächeln auf Lager. Als von klein auf wohlerzogene Person und langjähriger Vollblutprofi weiß der Franzose in Perfektion, wie er der Öffentlichkeit den Eindruck eines weltmännischen, besonnenen Gentlemans von sich vermittelt. Nach dem Tor von Cristiano Ronaldo zum 3:0 gegen Atlético, welches die Tür zu seinem zweiten Champions-League-Finale in seinem zweiten Jahr als Cheftrainer von Real weit öffnete, konnte aber selbst „Daddy Cool“ seine Emotionen nicht mehr zurückhalten.

Anders als José Mourinho vor ein paar Jahren zügelte sich Zidane zwar davor, auf Knien über den heiligen, sorgfältig gestutzten Rasen des Bernabéu zu rutschen, doch er brüllte immerhin seine Freude aus Leibeskräften heraus. Fünf Meter von ihm entfernt stand Atlético-Coach Diego Simeone. Der, der dem typischen Drehbuch eines solchen Spiels zufolge eigentlich losgelöst in der Coaching Zone umherspringen müsste, als wäre er ein Animateur auf einer Ferieninsel, war gegen die weiße Sturmflut ebenso rat- und machtlos wie seine Spieler.

Der perfekte Matchplan

Atlético erwischte allerdings keinen rabenschwarzen Tag – Real erwischte schlichtweg einen perfekten Tag! Als Mannschaft. Ronaldo servierte mit seinem Dreierpack nur die Kirsche für die königliche Sahnetore. Konditor Zidane lieferte mit seinem Matchplan die idealen Zutaten für die vollständige Zufriedenheit eines jeden Madridista. Seine Idee, mit dem zurzeit brillanten und als Freigeist im 4-3-3 bewährten Dribbelexperten Isco als Ersatz für den verletzten Gareth Bale zu beginnen und Atléticos Defensive so zu ermüden, um für die Schlussphase die pfeilschnellen Marco Asensio und Lucas Vázquez für die Außenbahnen zu bringen, ging voll auf. Spätestens das 3:0, bei dem der zuverlässige Vázquez als Vorbereiter fungierte, ließ Atléticos Hoffnungen auf ein Finale endgültig im Keim ersticken.

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Zwar sind nächste Woche noch 90 Minuten zu bestreiten, doch wir müssten zweifellos von einem der größten Fußball-Wunder aller Zeiten sprechen, würde dieses Atlético gegen dieses Real noch einmal zurückkommen. Schon allein wegen Zidane. Spätestens nach seinem taktischen Meisterwerk gegen Simeone verdient auch der „Míster“ ein Extra-Lob. Der Franzose wird von vielen Kritikern zu Unrecht darauf reduziert, eine etwas schlankere Version des Bären Balu aus Disneys Klassiker „Das Dschungelbuch“ zu sein, der mit ähnlicher Gemütlichkeit wie Carlo Ancelotti oder Vicente del Bosque an seine Arbeit herangeht und seinen Spielern mehr ein Kumpel als Vorgesetzter ist.

Ronaldo fit – dank Zidane

Das mag in gewisser Weise ja auch stimmen, aber Zidane hat mehr als nur Charisma zu bieten. Hätte Lionel Messi beim Clásico vor zwei Wochen nichts dagegen gehabt, wäre die Weste des 44-Jährigen in großen Spielen heute noch immer unbefleckt. Er besitzt den Mut, regelmäßig an Schrauben wie der Startaufstellung oder dem System zu drehen und Spieler weiterzuentwickeln. Zidane macht von seinem ausgeglichenen, unberechenbaren und variablen Kader – womöglich sogar dem besten in Reals Historie – Gebrauch. Einer der wichtigsten Schlüssel zum Erfolg: Er schafft es als bisher einziger Trainer, Ronaldo zu Pausen zu überreden. Lief der Superstar in den vergangenen Jahren immer auf dem Zahnfleisch, wenn es auf die Zielgeraden ging, ist er jetzt in bestechender Form und steuert seinem fünften Ballon d’Or entgegen. Solche Entscheidungen zeugen von großem Fußball-Sachverstand. Glück mag zweifelsohne auch eine Rolle spielen, fällt aber nicht einfach so vom Himmel. Es spricht für die körperliche und auch geistige Fitness der Spieler, so spät zu punkten wie unlängst in der Liga gegen Valencia oder unzählige Male davor.

Zidane muss sich spätestens nach der Machtdemonstration gegen Atlético vor keinem Weltklasse-Trainer mehr verstecken! Erst recht nicht, wenn er in diesem Jahr das Double holt. Bis dahin – und das weiß er selbst am besten – muss sein Team noch einige Aufgaben bewältigen. Er wird diese Aufgaben so angehen wie immer: mit einem lässigen Augenzwinkern und verschmitzten Lächeln.

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Zidanes Meisterwerk – viel mehr als nur Glück
Zinédine Zidane setzte sich mit einer taktischen Meisterleistung nicht nur gegenüber Diego Simeone, sondern auch gegen viele seiner regelmäßig „Glück“ schimpfenden Kritiker durch. Kerry Hau mit der entsprechenden Würdigung zu „Zizous“ Meisterwerk.
http://www.realtotal.de/zidanes-meisterwerk-viel-mehr-als-nur-glueck/
03.05.2017, 20:15
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