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Zidane verkalkuliert sich: Wenn Fußball keine Mathematik ist

Mit dem Festhalten an seiner bewährten Rotationsstrategie hat Zinédine Zidane das bittere Ausscheiden im Pokal in großem Maße mitzuverantworten: Weil er nicht von seinem A- und B-Elf-Konzept abwich, obwohl dieses in der aktuellen Spielzeit nie wirklich funktionierte. Neben dem 45-Jährigen stehen nun vor allem die jungen Spieler als Verlierer da.

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Zidane steht nach dem Pokal-Aus in der Kritik – Foto: Denis Doyle/Getty Images

Zidane hat sich verzockt

MADRID. Es ist der 8. November 2007. Der FC Bayern München – aufgrund einer katastrophalen Vorsaison diesmal nur im UEFA Cup vertreten – hat soeben gegen den englischen Mittelklasse-Klub Bolton Wanderers vor heimischen Publikum nur ein unbefriedigendes 2:2 erreicht. Weil Trainer Ottmar Hitzfeld an jenem 4. Spieltag der Gruppenphase lediglich eine bessere B-Elf ins Rennen geschickt hatte und diese leichtfertig den Sieg herschenkte, platzte Bayerns Vorstandsvorsitzendem Karl-Heinz Rummenigge im Anschluss an die Partie der Kragen: „Ich bin wirklich stocksauer. Es war so einfach zu gewinnen. 66.000 Zuschauer haben ein Recht darauf, die beste Mannschaft zu sehen und nichts anderes. Fußball ist keine Mathematik, das finde ich nicht okay.“ 

Ähnliches hätte Real Madrids Präsident Florentino Pérez nach dem gestrigen Pokal-Aus der Königlichen gegen Leganés (1:0 und 1:2) sagen können. Tat er zwar nicht, weil sein Verhältnis zu Zinédine Zidane dafür viel zu gut ist, inhaltlich falsch wäre eine solche Kritik allerdings nicht gewesen. Denn egal wie man es dreht und wendet, wie sehr man natürlich auch die Spieler nach solch einem Auftritt in die Pflicht nehmen muss, die Hauptschuld am wiederholten Ausscheiden im Pokal-Viertelfinale – auch wenn es extrem hart klingen mag – trägt diesmal einzig und allein „Zizou“. Denn: Diesmal hatte sich die Vereinslegende schlicht und ergreifend verzockt. Es spricht für den Franzosen, dass er unmittelbar nach Spielende dies auch einsah und die Schuld für das Scheitern vollends auf sich nahm.

Warum hielt Zidane an der „totalen“ Rotation fest?

Doch bereits bei der Kadernominierung sorgte der Franzose für leichte Irritationen. Weil er mit Cristiano Ronaldo, Gareth Bale, Toni Kroos und Marcelo gleich vier Leistungsträger und mit den zwei Erstgenannten zwei möglicherweise nötige Offensivoptionen gar nicht erst ins Aufgebot berief. Ein in Anbetracht des lediglich einen Treffer betragenden Vorsprungs aus dem Hinspiel von Beginn an enormes Risiko. Mit seiner Aufstellung ging Zidane schließlich „all in“, indem er die Mannschaft bis auf Nacho Fernández im Vergleich zum 7:1-Erfolg über Deportivo La Coruña komplett austauschte. Ein im Nachhinein zu großes Wagnis, wobei sich Reals Cheftrainer auch ein enormes Maß an Naivität vorwerfen lassen muss.

Denn dass die zweite Garde in diesem Jahr nicht derart reibungslos funktioniert wie noch in der vergangenen Saison, war bisher bei jedem vorangegangenen Auftritt ersichtlich. Was in Anbetracht des Substanzverlusts durch die Abgänge von Álvaro Morata, James Rodríguez, Mariano Díaz, Pepe und auch Danilo nicht weiter verwundert. Schließlich handelte es sich bei allen, mit Ausnahme von Mariano, um gestandene Profis, die bereits Champions-League-Finales bestritten und große Schlachten im Weltfußball gekämpft haben. Dass ein Marcos Llorente, Dani Ceballos, Theo Hernández oder Achraf Hakimi diesen Verlust an Erfahrung und Routine nicht ohne Weiteres auffangen können, ist eigentlich selbsterklärend. Nicht etwa, weil allen Genannten die fußballerische Klasse abgeht, perspektivisch kann jeder der „jungen Wilden“ sicherlich zu einem Leistungsträger bei den Blancos aufsteigen. Aber bei einem Verein wie Real Madrid, bei dem jeder Gegner an seine Grenzen und darüber hinaus geht, ist ein gewisses Maß an Erfahrung einfach unabdingbar. Woher sollen Llorente und Co. mit überwiegend gerade einmal einem Jahr Profi-Erfahrung diese denn auch nehmen? Die Situation mit der überragenden B-Elf im vergangenen Jahr war eine absolute Ausnahmesituation, die sich nicht beliebig wiederholen lässt. Das hätte vor allem Zidane spüren müssen. Fußball ist eben keine Mathematik.

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Am Ende bleibt deshalb vor allem die Frage: Warum wurde um jeden Preis an dieser „totalen“ Rotation festgehalten? Würde es einem Marcos Llorente an der Seite eines Luka Modrić oder Toni Kroos nicht weitaus leichter fallen, sich weiter zu entwickeln? Hat ein Borja Mayoral, auch wenn er nicht immer vollends überzeugen konnte, gegen Real Sociedad oder Deportivo nicht gezeigt, dass er, wenn er von den richtigen Leuten umgeben ist, durchaus eine Hilfe sein kann? Auch wenn Zidane seiner jungen Garde durch die Aufstellung im Rückspiel sein Vertrauen demonstrieren wollte, ging dieser Schuss eher nach hinten los. Zu hoffen, dass durchschnittlich 21-jährigen Akteure, vornehmlich ohne großartige Spielpraxis, auf Knopfdruck funktionieren, war in der aktuellen Situation schlichtweg der falsche Ansatz. Neben dem 45-Jährigen stehen nun vor allem die Jungstars im Feuer der Kritik, schließlich standen diese in besagter Begegnung auf dem Feld. Natürlich lieferten diese auch eine sehr schwache Partie ab, weil diese Entwicklung, dass die „B-Elf“ in dieser Spielzeit nicht wirklich harmoniert und funktioniert, allerdings keineswegs überraschend kam, muss sich in dieser Hinsicht vor allem Zidane Kritik gefallen lassen. Durch eine etwas subtilere und geschicktere Personalpolitik hätte man in diesem Fall gegensteuern können. So sind neben dem Cheftrainer nun vor allem die jungen Spieler die großen Verlierer.

Als jungem Trainer stehen Zidane Fehler zu

Man sollte jedoch auch nicht vergessen: „Zizou“ ist noch immer ein vergleichsweise junger Trainer. Und genauso wie junge Spieler machen junge Trainer Fehler. Als Vater der Erfolge der letzten zwei Jahre sollte die einstige Nummer 5 nun zumindest die Gelegenheit bekommen, diese korrigieren zu dürfen. Genügend Zeit bleibt dafür noch. Auch wenn eine erneute Titelverteidigung in der Champions League mehr als unwahrscheinlich ist, kann man besonders diesen Wettbewerb dafür nutzen, um aufgerissene Wunden wieder einigermaßen zu kitten. Selbiges gilt für die Liga, die man trotz nahezu aussichtsloser Chancen auf die Meisterschaft ordentlich – und vor allem fußballerisch überzeugend – zu Ende spielen muss. Zumindest Platz zwei sollte das Ziel für die restliche Saison schon lauten.

Auch wenn dies in der aktuellen Lage keinerlei Trost zu spenden vermag, hat man nun die Möglichkeit, aus den Fehlern der bisherigen Spielzeit zu lernen und sich für kommende Spielzeit, ja sogar Jahre, entsprechend aufzustellen. Sei es hinsichtlich Transfers oder der Integration der jungen Spieler. Insbesondere für Zidane gilt es nun, die richtigen Schlüsse zu ziehen, um sich aus dieser bedrohlichen Lage herauszuziehen. Dass er ein intelligenter Trainer ist, hat er bereits unzählige Male bewiesen. Nun kann er demonstrieren, dass er auch ein Trainer ist, der einen Verein aus der Krise führen kann. Die Chance dafür hat er einfach verdient. Er muss sie allerdings auch nutzen.

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Zidane verkalkuliert sich: Wenn Fußball keine Mathematik ist
Mit dem Festhalten an seiner bewährten Rotationsstrategie hat Zinédine Zidane das bittere Ausscheiden im Pokal in großem Maße mitzuverantworten: Weil er nicht von seinem A- und B-Elf-Konzept abwich, obwohl dieses in der aktuellen Spielzeit nie wirklich funktionierte. Neben dem 45-Jährigen stehen nun vor allem die jungen Spieler als Verlierer da.
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25.01.2018, 16:07
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