
Als ich vor einer halben Stunde die offizielle Mitteilung Real Madrids über die Trennung von Xabi Alonso auf diversen Social-Media-Kanälen las, musste ich mehrfach überprüfen, ob es sich nicht um eines dieser beliebten Fake-Profile handelt, die sich gerne einen Spaß daraus machen, Fake News zu verbreiten. Nein, tut es nicht – es waren die echten Accounts von Real Madrid. Offiziell ist von einer „einvernehmlichen Trennung“ die Rede, was bei Trainer-Entlassungen eine allseits beliebte Floskel ist. Doch bei näherem Betrachten ist es durchaus vorstellbar, dass Alonso selbst keine Kraft mehr hatte und hingeworfen hat.
Der Schock sitzt (nicht nur) bei mir tief. Und das nicht, weil ich ein bedingungslos an Xabi Alonso geglaubt habe. Auch bei mir kamen im Laufe der Saison immer mehr Fragezeichen ob seiner Personalentscheidungen, Wechsel, Aussagen oder Reaktionen auf, auch ich fing an zu zweifeln. Und dennoch sprachen aus meiner Sicht bis zuletzt ,mehrere Gründe für den Basken: Mit der Klub-WM und der daraus resultierenden Mini-Vorbereitung, verbunden mit kaum Urlaub für die Spieler, hatte der neue Coach von Beginn an denkbar ungünstige Umstände zu bewältigen. Dazu kamen diverse neue Spieler dazu, die zusammen mit den Alteingesessenen ein neues Spielsystem, ein neues Real Madrid implementieren sollten. Begleitet wurde das Ganze von traditionell hohen Erwartungen und dem Druck, unbedingt schnell Erfolg haben zu müssen, nachdem es in der letzten Saison keinen nennenswerten Titel und die ganzen Clásico-Demütigungen gegeben hatte. Und – wer hätte es nach solch einer kurzen Pause und der Überbelastung gedacht – irgendwann kamen die ersten Verletzungen hinzu. Und es wurden immer und immer mehr, teilweise musste Alonso im Herbst und im Winter ohne neun Spieler auskommen.
Parallel hatte sich zwar auch der Trainer selbst nach einem vielversprechenden Saisonstart immer mehr verzettelt und fragwürdig gehandelt, sei es das misslungene Experiment im Liga-Derby bei Atlético, die irgendwann fast völlig eingestellte Rotation oder das konsequente Ignorieren von echten Mittelstürmern wie Gonzalo García und Endrick. Doch im Nachhinein muss man konstatieren, dass Alonso spätestens seit dem Clásico-Sieg gegen Barcelona am 26. Oktober nicht mehr eine echte Chance hatte. Anstatt auf der Euphoriewelle des ersten Triumphs über den Erzrivalen nach eineinhalb Jahren und der Tabellenführung – bis dato gab es wettbewerbsübergreifend nur eine einzige Saisonniederlage – zu schweben, brach noch während des Spiels im Bernabéu das Kartenhaus Real Madrid in sich zusammen. Der skandalöse Abgang von Vinícius Júnior und der noch skandalösere Umgang des Vereins damit waren im Rückblick nicht nur der Anfang vom Ende des Xabi Alonso – die waren sein Ende.
Da hatte ein Spieler, der aus sportlich nachvollziehbaren Gründen keine 20 Minuten vor Schluss ausgewechselt wurde, seinen Trainer – den Trainer von Real Madrid – auf der größten aller Bühnen des Weltfußballs auf gedemütigt, und der Verein zeigte überhaupt keine Reaktion, obwohl in den Tagen danach niemand über den Sieg und das gute Spiel Reals sprach, sondern nur über den Eklat um Vinícius und Alonso. Erst nach drei Tagen veröffentlichte der Spieler eine halbgare Entschuldigung für sein Verhalten, die sich an alle richtete, außer an denjenigen, der durch die Aktion den größten Schaden genommen hatte – Xabi Alonso. Und wieder gab es keine Reaktion seitens der Vereinsführung. Rückendeckung für den bis dahin durchaus erfolgreichen Trainer sieht anders aus.
Was nach dem Liga-Clásico folgte, bestätigt die These, dass Florentino Pérez und Co. zu keinem Zeitpunkt hinter Alonso standen, denn nach dem anschließenden, überzeugenden Sieg über Valencia gab es drei Auswärts-Remis in Folge, alle zugegebenermaßen mit wenig überzeugenden Auftritten, und schon nach dem 1:1 in Girona am 30. November gab es eine nächtliche Krisensitzung der Vereinsspitze, die am nächsten Tag medienwirksam platziert wurde und auf der quasi beschlossen wurde, jedes kommende Spiel zu einem Alonso-Finale zu erklären. Zur Erinnerung: Auch zu dem Zeitpunkt hatte Alonsos Team nur eine Liga-Niederlage. Spätestens da hätte allen klar sein müssen, dass der Trainer nie wirklich eine Chance hatte. Und man nur auf den passenden Moment gewartet hatte.
Und dieser ist nun nach einer bitteren, aber auch enorm unglücklichen Niederlage gegen Barcelona im Finale des mit Abstand unwichtigsten aller Wettbewerbe gekommen. Ob die Trennung nun vom Klub oder Alonso selbst aus ging, ist in meinen Augen zweitrangig – die Klubführung um Pérez trägt die Hauptverantwortung. Auch, weil Real Madrid inzwischen ein Verein geworden ist, der gleichermaßen von der Vereinsspitze und den Spielern geführt und regiert wird. Der Trainer ist in Chamártin schon seit Jahren das mit Abstand schwächste Glied in der Kette, und im Gegensatz zu Carlo Ancelotti hatte Xabi keine Titel aus der Vergangenheit aus Absicherung im Hintergrund.
Man muss jedoch auch daran erinnern, dass selbst Ancelotti an dieser Mannschaft in der vergangenen Saison gnadenlos gescheitert war. Der als spielerfreundlich und locker bekannte Italiener war mit diesem Kader irgendwann am Ende seines Lateins, der unerfahrene Alonso war es bereits nach wenigen Monaten. Die Frage, ob diese Real-Mannschaft in dieser Form überhaupt trainierbar ist, ist daher mittlerweile mehr als berechtigt. Wenn zwei unumstrittene – jeder auf seine eigene Weise – Persönlichkeiten wie Ancelotti und Alonso den Laden nicht in den Griff bekommen konnten, was darf man diesbezüglich denn überhaupt von einem Álvaro Arbeloa erwarten?
Im Idealfall entwickelt sich der bisherige Castilla-Coach zu einem Zidédine Zidane 2.0, aber jedem vernünftigen Menschen dürfte einleuchten, dass die Umstände, unter denen Arbeloa Reals erste Mannschaft übernimmt in keiner Weise mit denen von vor neun Jahren zu vergleichen sind. Zidane musste einer mit Weltstars und Weltklasse vollgespickten Truppe nur den letzten Schliff geben, während Arbeloa einen verunsicherten, sportlich wenig ausbalancierten Haufen übernimmt, der zudem zu einem beträchtlichen Teil vor allem mit sich selbst und den eigenen, persönlichen und individuellen Befindlichkeiten beschäftigt ist. Man möge es mir nicht übelnehmen, wenn ich in Arbeloas Fall das „Solari-Szenario“ für deutlich wahrscheinlicher halte.
Und dies hat mit Álvaro Arbeloa, den ich seit Saisonbeginn bei der Castilla häufig beobachten konnte und von dem ich als Trainer übrigens durchaus einiges halte, nichts zu tun. Es hat mit Real Madrid als Klub zu tun. Dem Klub, der schon lange Trainer als eigene Marionetten betrachtet und behandelt, und der sich inzwischen dazu entschieden hat, fast alle Macht den Spielern zu geben. Auch das mag nicht neu sein, allerdings hatten in Madrid über mehr als eine Dekade Spieler das Sagen, die Jahr für Jahr Europa dominiert hatten. Nun entscheidet ein Kader über Trainerschicksale, der sich anschickt, im zweiten Jahr in Folge krachend zu scheitern.
Die ganze Misere, in der sich Real Madrid inzwischen befindet, fasste am besten Pep Guardiola bei der Pressekonferenz im Bernabéu im Vorfeld der CL-Partie zwischen den Blancos und Manchester City Anfang Dezember zusammen. Auf die Frage, wie er die damals schon unangenehme Lage von Xabi Alonso sieht, antwortete der Katalane wie folgt: „Alles hängt von den Machtverhältnissen, von der Hierarchie im Verein ab. Wenn der Verein dem Trainer die Macht gibt, trifft der Trainer die Entscheidungen und steht für diese. Entscheidet sich der Verein dazu, den Spielern die Macht zu geben, entscheiden sie über alles.“ Und zuckte mit den Schultern.



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